Verein zur Beratung und Begleitung
älterer und verwirrter Menschen
und ihrer Angehörigen e.V.

Aktivitäten

22. Februar 2013
Tätigkeitsbericht 2012 der Erlebnis- und Sportgruppe für Menschen mit Demenz
Dies ist ein Erfahrungsbericht, der beschreibt, was die Menschen mit Demenz in den beiden Gruppen, der seit 2012 bestehenden Erlebnisgruppe 3 und der seit 2010 existierenden Sportgruppe 2 erleben. Er beschreibt eine Lernerfahrung nicht nur der Betroffenen, sondern auch der Gruppenleitung und der ehrenamtlichen Helfer.

Über den vierteljährlich stattfindenden Tanztee haben sich die Teilnehmer der beiden Gruppen schon im Jahr 2011 miteinander vernetzt. Und das kam so: Zu Beginn des Jahres 2011 verlor die Erlebnisgruppe 2 plötzlich fünf Gruppenmitglieder durch Tod (2), schwere Erkrankung (1) und Anmeldung in die Tagespflege (2). Deshalb beschlossen die restlichen beiden Gruppenmitglieder (nicht die Gruppenleitung!), das letzte noch lebende Mitglied der Erlebnisgruppe 1 sowie die gesamte Sportgruppe zum Tanztee einzuladen, damit er überhaupt stattfinden konnte. Für die Gruppenleitung wie für die Menschen mit Demenz selber war es eine wichtige Erfahrung, daß in dieser Gruppenkonstellation Verhaltensauffälligkeiten oder eine spürbar eingeschränkte Alltagskompetenz nicht beängstigend wirkten. Im Gegenteil, wir erlebten, wie die Gruppenmitglieder es verstanden, einfühlsam damit umzugehen.

Z. B. konnte ein Teilnehmer nicht mehr richtig seinen Kuchen mit der Kuchengabel essen, aber er stellte sich als fabelhafter Tänzer heraus, der mit viel Witz und Humor die anderen auf die Tanzfläche zog. Oder der in sich gekehrte, teilnahmslose Herr aus der ersten Erlebnis- und Sportgruppe zeigte auf der Tanzfläche eine Gemütsregung, er lächelte, worüber sich nicht nur wir freuten, sondern auch die Ehefrau. Auf die Frage, ob ihm das Tanzen gefalle, nickte er.

Diese Erfahrung bereicherte uns alle und führte dazu, daß dieser Herr wieder in die neue Formation der Sportgruppe 2 kam. Wir Professionellen hielten es nach der Auflösung der Sportgruppe 1 durch Krankheit oder Tod erst nicht für möglich, diesen Herrn in die neu gebildete Sportgruppe zu integrieren. Wir dachten, daß es für ihn mit diesen vielen neuen Leuten im Anfangsstadium der Demenz zu schwierig sei, sich dort mit seiner Passivität, phasenweisen Unruhezuständen und großen Problemen der Inkontinenz zurechtzufinden. Zudem fürchteten wir, daß diese Verhaltensweisen von den neuen Teilnehmern der Sportgruppe 2 nicht toleriert werden würden. Aber das Gegenteil war der Fall: Verhaltensschwierigkeiten schrecken Menschen mit Demenz nicht ab. Sie entwerten den Schwächeren nicht und grenzen ihn nicht aus. Durch ihren verständnisvollen Umgang fühlen sie sich sozial kompetent. Sie erfahren in der Gruppe, daß jeder unterschiedliche Schwächen, aber auch unterschiedliche Kompetenzen hat. Deshalb haben wir aufgehört, eine Gruppe für Menschen mit Demenz im Anfangsstadium und eine für Menschen mit fortgeschrittener Demenz zu bilden, sondern lassen die Gruppenzusammensetzung gemischt laufen.


Die Erlebnisgruppe als Verständigungsort – Verstehen und Verstanden werden

Sieben Mitglieder hat derzeit die Erlebnisgruppe 3 (4 Frauen, 3 Männer), eine optimale Teilnehmerzahl für eine Gesprächsrunde, um alle sprechen zu lassen. Zwei Teilnehmer konnten aufgrund einer hinzugekommenen schweren Erkrankung im Laufe des Jahres 2012 nicht mehr kommen. Zwei Teilnehmer sind schon 2 - 3 Jahre dabei, die anderen fünf ca. ein halbes bis ein Jahr.

Verhaltensauffälligkeiten wie Wortfindungsschwierigkeiten, Unruhe, Wiederholungen oder abfällige Bemerkungen aufgrund der Verkennung der Situation werden wahrgenommen und als Eigenart mit der Person verknüpft. Durch den verständnisvollen Umgang, der sich in einer zulassenden Haltung äußert, werden diese Eigenarten nicht zu einem Konfliktpunkt. Bei einem Herrn, der gegen seine Wortfindungsprobleme ankämpft, raten wir gemeinsam den gesuchten Begriff. Durch die Lockerheit der Situation verstummt er nicht, sondern es gelingt, daß er sich sozusagen „warmredet“.

Z. B. fährt dieser Herr oft mit seiner Frau in Urlaub und er erzählt begeistert davon. Ihm fallen nie die Namen der Inseln ein, wo er immer hinfährt. Aber einige in der Gruppe wissen schon, daß er auf Zypern und Ibiza seinen Urlaub verbringt und erraten es schnell, wenn er den betreffenden Namen sucht. Was dann aber besonders schön ist, wenn er sich warmgeredet hat, daß er schildern kann, wie freundlich die Leute zu ihm sind, daß sie oft im vorhinein auf seine Wünsche eingehen, weil sie sich erinnern, daß er lieber ein Tässchen Mocca trinkt, anstatt einen Nachtisch zu nehmen. Er beschreibt genau die Situation, die für Menschen mit Demenz wichtig ist, nämlich Vertrautheit des Ortes, die Aufmerksamkeit gegenüber Eigenarten und Wünschen und die Kunst der nonverbalen Kommunikation.

Durch diese außerordentliche Fähigkeit der Menschen mit Demenz, geduldig zuzuhören, erhält jeder Sprecher auch seine Zeit sich auszudrücken. Meinungen, Einwendungen oder Erweiterungsaspekte zum Thema erfüllen das Gespräch mit großer Ernsthaftigkeit und Empathie.

Z. B. lasen wir gemeinsam Auszüge aus dem Buch „Mitten im Jungbusch“ von Nora Noe, eine Lebensgeschichte einer Mannheimer Arbeiterfamilie aus dem Jungbusch, dem ehemaligen Hafenviertel. In dem vorgelesenen Auszug kam Amelie, eine Hauptfigur in diesem Buch, mit ihrer Schwägerin von einem Theaterabend nach Hause, und der Schwager schlug seine eigene Frau, weil sie so spät abends nach Hause kam (siehe Anlage). Alle Gruppenmitglieder waren erst schockiert. Ein Herr meinte, „einer, der seine Frau schlägt, schlägt auch seine Kinder“. Ein anderer Herr, mit sehr viel zeitgeschichtlicher Bildung, verteidigte den Schwager insofern, daß die Zeit zwischen den Weltkriegen eine sehr harte Zeit für Arbeiter war, da sie in ihrem Selbstverständnis als Ernährer der Familie keine Arbeit fanden. Daraufhin entstand eine Diskussion um die Frage, ob die Familienarbeit, also Hausarbeit und Kindererziehung, eine ebenso anstrengende Arbeit wie die Berufsarbeit der Männer sei. Aber der redegewandte Herr verteidigte hartnäckig seine These, daß aufgrund der biologisch vorgegebenen Konstitution der Männer ihre Berufsarbeit härter sei. Irgendwie waren die Frauen nicht so zufrieden mit dem Zusammenhang der körperlichen Überlegenheit und naheliegenden Gewalttätigkeit, selbst wenn sie sozialpsychologisch erklärbar ist. Nach längerem Hin und Her erklärte eine Teilnehmerin, daß auch Frauen eine große körperliche Kraft besäßen, z. B. bei der Altenpflege – sie suchte lange nach diesem Begriff. Dem konnten abschließend alle zustimmen.

Interessant ist der Unterschied des Sprechvermögens von Männern und Frauen innerhalb der Gruppe. Männer sind in der Regel die Schweigsameren. Den Frauen hingegen fällt es gar nicht schwer, sich auszudrücken, wenngleich sie z. T. schon wesentlich stärkere Einschränkungen in ihren Alltagsfähigkeiten als die männlichen Teilnehmer haben. Sie berichten gerne von sich und ihren Gefühlen oder antworten auf Bemerkungen anderer themengenau. Sie mischen sich auch eher ein, wenn sie etwas nicht verstanden haben.

Z. B. trauen sie sich nachzufragen, „Um was geht es jetzt?“ oder „Was haben Sie gerade gesagt?“

Deshalb sind die Frauen oft der Treiber des Gruppengesprächs, was Inhalt und Meinungsvielfalt angeht. Alle Gruppenmitglieder haben die Fähigkeit, ein Gespräch harmonisch ausklingen zu lassen, mit Humor schwierigen Inhalten oder Verhaltensweisen zu begegnen und für sich etwas zum Lachen zu finden.


Die Sportgruppe – alles, was bewegt, belebt

Es gibt acht Teilnehmer in der Sportgruppe 2 (4 Männer und 4 Frauen). Auch hier wird deutlich, daß sich Demenzkranke weniger an den Verhaltensauffälligkeiten stören, sondern begütigend auf Unruhezustände eingehen oder mit Teilnahmslosigkeit verständnisvoll umgehen können.

Z. B. geht eine Teilnehmerin auf den teilnahmslosen Herrn, das letzte noch lebende Mitglied aus der ersten Erlebnis- und Sportgruppe, aktiv zu und begrüßt ihn mit Küßchen. Sie integriert ihn auf freundliche Weise in die Gruppe. Oder eine weitere Teilnehmerin nimmt eine sehr ruhelose alte Dame behutsam an der Hand und dreht mit ihr eine Runde, wenn sie nicht mehr mitmachen will, streichelt sie ein wenig und beruhigt sie.

Wichtig ist in der Sportgruppe, wie und wann Korrekturen zu einer ausgeführten Bewegung erforderlich sind. Meist trägt diese Korrektur zur Entmutigung bei und verstärkt das Gefühl, etwas falsch zu machen. Etwas falsch zu machen, ist für Demenzkranke ein Gefühl, das in ihnen ständig präsent ist und ihre Angst verstärkt. Das erklärt manchmal ihre Haltung, eher wenig oder gar nichts zu tun. Wir wollen Korrekturen vermeiden und nur da unterstützend eingreifen, wenn der Gruppenteilnehmer selbst merkt, daß er nicht mitkommt, ratlos ist und nicht versteht, worum es in dem Augenblick gerade geht. Das geschieht oft dann, wenn sie durch die Bewegung und die diffuse Geräuschkulisse im Raum irritiert sind und dadurch die Konzentration und Orientierung im Raum schwerer fällt. Es hilft dann, den betreffenden Teilnehmer an die Hand zu nehmen und ihn behutsam darauf aufmerksam zu machen, worauf er achten soll, z. B. auf den Ball oder wie er mit dem Ball umgehen soll, z .B. den Ball prellen und nicht werfen.

Aber gerade „falsch“ ausgeführte Bewegungen haben ihren Reiz und geben für die anderen Teilnehmer neue Bewegungsimpulse.

Z. B. sollte der Ball von der einen Hand zur anderen“ um den Körper herumgeführt werden“ – so die Anweisung der Sportpädagogin. Alle sortierten irgendwie ihre beiden Hände und den Ball. Ein Teilnehmer nahm spontan den Ball in eine Hand und machte mit ausgestrecktem Arm und dem Ball in der Hand eine Drehung um 360 Grad – das sah sehr schön und elegant aus, überzeugte uns von seiner Richtigkeit und Leichtigkeit, mit der er sich um die eigene Achse drehte. Seine Freude über die Bewegung steckte uns alle an und brachte uns zum Lachen. Fast alle machten diese schöne Bewegung nach.


Der Tanztee

Der vierteljährlich stattfindende Tanztee im Mehrgenerationenhaus ist eine Veranstaltung für alle Teilnehmer der Sport- und Erlebnisgruppe mit ihren Ehepartnern. Es werden die Lieblingslieder, meist Schlager aus früheren Zeiten, aufgelegt. Aber auch Schlager passend zu der Jahreszeit oder eine Reise zu anderen Kontinenten, wie z. B. mit einer Cumbia (Kolumbien), dem Lied Guantanamera (Kuba) oder Macarena (Südamerika) laden zum Tanzen ein. Alle haben Spaß an der Bewegung und Freude, in einem festlichen Rahmen an einer schön gedeckten Tafel mit Kaffee und Kuchen zu feiern. In den Tanzpausen wird über alte oder neue Projekte gesprochen. Es ist für alle Teilnehmer eine entlastende Erfahrung, daß man als Paar etwas Schönes gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten erleben kann.


Kinaesthetikkurs für pflegende Angehörige

Zu erwähnen ist noch, daß die Gruppenleitung im Jahr 2012 für die pflegenden Angehörigen beider Gruppen einen Kinästhetikgrundkurs organisiert hat. Kinaesthetik hat auch mit Körpererfahrung und Bewegung zu tun.

Z. B. lernten wir, wie man einen sturzgefährdeten Menschen führt und wie verunsichernd es für den geführten Menschen wirkt, wenn er falsch an der Hand oder in den Arm genommen wird. Oder wie es ist, wenn man gefüttert wird, anstatt einem behinderten Menschen bei den Bewegungsabläufen von Essen und Trinken zu unterstützen, indem man ihm assistiert, selbst die Gabel, bzw. den Becher in die Hand zu nehmen und an den Mund zu führen.

Wir lernten nicht nur aus der Perspektive des Gepflegten, sondern auch, wie die Pflegenden sich Bewegungsabläufe erleichtern können, wenn sie die Bewegungsimpulse des Gepflegten beachten und darauf eingehen. Das verlangsamt den Pflegeprozess. Aber genau dies kommt den Menschen mit Demenz entgegen ebenso wie es den Belastungen der Wirbelsäule des Pflegenden entgegenwirkt. Immer wieder diskutierten die pflegenden Angehörigen die Möglichkeiten des entschleunigten Prozesses von Bewegungsabläufen und die schwierige Umsetzung im Alltag.

Der Grundkurs fand an 6 Nachmittagen statt. Zeitgleich wurden die Teilnehmer aus Erlebnis- und Sportgruppe betreut. Für 2013 ist der Aufbaukurs angedacht, der für 4 x drei Stunden an einem Wochenende geplant wird. Parallel dazu wird die Betreuung der demenzkranken Ehepartner organisiert.

Ellen Ensinger-Boschmann
© 2005-2018 VIVA
nach oben