Verein zur Beratung und Begleitung
älterer und verwirrter Menschen
und ihrer Angehörigen e.V.

Aktivitäten

25. Februar 2014
Tätigkeitsbericht 2013 über die Erlebnis- und Sportgruppe für Menschen mit Demenz
Beziehungen knüpfen – Beziehungen erhalten

Seit nahezu drei Jahren gibt es die beiden Gruppen mit relativ stabiler Zusammensetzung (Sportgruppe bis zu 10 Teilnehmer, Erlebnisgruppe bis zu 8 Teilnehmer), in denen Personen mit leichten bis schwereren Symptomen der Demenz integriert sind. Sich selbst und anderen Gruppenmitgliedern Zeit lassen, wenn etwas nicht gleich gelingt – sei es die Suche eines Wortes oder das Verständnis für die richtige Bewegung – ist die Devise der Gruppenmitglieder. Auf das Potential schauen und das Bemühen wahrnehmen, es doch noch hinzukriegen, und nicht alles als Krankheitssymptom zu deuten und aufgeben, ist ein erklärtes Lernziel. Dies wird als gegenseitige Motivierung verstanden und als soziale Kompetenz erlebt (siehe Tätigkeitsbericht 2012).

Die Teilnehmer der Erlebnisgruppe sprachen über ihre Urlaubserlebnisse, über die am eigenen Leib erlebten Auswirkungen der Medikamente sowie über die vielfältigen Ausformungen und unterschiedlich schnellen Verläufe der Demenzerkrankung, die für alle Teilnehmer der Gruppe immer wieder sichtbar wurden. Thema war auch das, was sie in der Gruppe machen wollten. So lasen wir Auszüge aus dem letzten Buch der Romantrilogie der Mannheimer Autorin Nora Noe, deren drei Bücher die Teilnehmer immer wieder anregten, über ihr eigenes früheres Leben zu berichten. Denn als Kriegskinder kannten sie die Kriegserlebnisse ihrer Eltern und Großeltern. Ebenso erinnerten sie sich an ihre eigenen Erfahrungen der Flucht, der Landverschickung und der anschließenden Rückkehr in die zerstörte Stadt oder das Wiedersehen mit den Vätern aus dem Krieg, so wie es in den drei Romanen beschrieben wurde. Bei dem Erzählen über Tod, Trennung oder Verlust kam den Teilnehmern oft der Gedanke, ob dieses in der Rückerinnerung traumatische Erlebnis ein früher Auslöser für die Demenzerkrankung sein könnte.

Diese Diskussion über Trennung und Tod tauchte in der Erlebnisgruppe auch immer wieder im Zusammenhang mit dem Verlust eines Gruppenmitgliedes auf, z.B. wenn ein Mitglied verstarb (2 x) oder wenn ein Gruppenmitglied ins Heim kam, sei es aufgrund einer Erkrankung des pflegenden Partners (2 x) oder sei es, dass sich der Zustand des jeweiligen Gruppenmitglieds meist nach Krankenhausaufenthalt stark verschlechterte (4 x). Auch nach der Entscheidung der Familie für eine 24h-Versorgungslösung ließ sich die Teilnahme an der Gruppe nicht mehr aufrechterhalten (3 x). In der Sportgruppe zählt eher die Bewegungs- und Spielfreude, der Verlust eines Gruppenmitgliedes wird bedauernd registriert und weniger reflektiert.

Highlights im Jahr 2013 waren die Führung mit Nora Noe durch die Filsbach und die vierteljährlich stattfindenden Tanztees für beide Gruppen. Die Stadtteilführung wurde von einem Fernsehteam des Lokalfernsehens begleitet, dem die Gruppenteilnehmer nach längerer Diskussion zustimmten. Beim vierten Tanztee im Dezember war allerdings der Verlust der Teilnehmer so auffällig, dass sie spontan der fehlenden Teilnehmer gedachten, indem sie deren Lieblingsschlager sangen.

Die Erlebnisgruppe wird von den Teilnehmern selbst als Ort beschrieben, an dem man vertraute Personen treffen und wie an einem Stammtisch angstfrei über seine Probleme kommunizieren kann. Abschließend erhebt sich die Frage, wie diese selbstgeknüpften Beziehungen der Menschen mit Demenz untereinander aufrechterhalten werden können, denn sie sind ein wichtiger Bestandteil bei der Krankheitsbewältigung und geben emotionalen Halt.

Ellen Ensinger Boschmann
© 2005-2018 VIVA
nach oben