Verein zur Beratung und Begleitung
älterer und verwirrter Menschen
und ihrer Angehörigen e.V.

Aktivitäten

28. September 2007
Tätigkeitsbericht 2007
Biographische Begleitung älterer Menschen

Am liebsten ist man in seinen eigenen vier Wänden: In der Wohnung, die man vor vielen Jahren selbst eingerichtet hat und in der man sich sozusagen im Schlaf auskennt. Und in der man Hausrecht genießt. Hier kann ich bestimmen, wer herein darf und wer was machen darf. Dieses Wissen ist tief in jedem Menschen verankert und zeigt sich als Selbstsicherheit und Souveränität – manchmal auch als Stärke, die man benötigt, um Krisen zu bewältigen. Im Alter ergeben sich viele Krisen, die zu einem Dauerzustand werden können.
Deshalb ist es wichtig, sich soviel Stabilität zu bewahren wie möglich.

Dieser Aufgabe hat sich unsere Beratungsstelle gestellt. Es geht darum, in der Beratung herauszuarbeiten, was und wie ich etwas möchte. Die folgenden Schritte bestehen darin, zu überlegen, wie ich meine Wünsche realisiere bzw. wie ich mir in der jeweiligen Notsituation möglichst selbst helfen kann oder die Hilfe so gestalte, dass ich dabei nicht untergehe.
Häufig ist es so, dass Krankenhäuser alten Menschen den Wechsel in ein Heim empfehlen, weil sich die Mitarbeiterinnen nicht vorstellen können, dass der von ihnen als hilflos erlebte Menschen zuhause alleine zurecht kommt. Dies ist oft eine institutionell getrübte Wahrnehmung, erkennt sie nicht den Hospitalisierungseffekt, der in Krankenhäusern auch bei alten Menschen auftritt. Im persönlichen Umfeld hat der betroffene Mensch in der Regel ein ausgeklügeltes System entwickelt, mit dem er die im Alter aufgetretenen Einschränkungen auffängt. So haben die meisten bei eingeschränkter Bewegungsfähigkeit Stützpunkte herausgefunden, an denen sie sich entlanghangeln, um nicht zu stürzen. Meist haben sie auch nachbarschaftliche Kontakte, die wichtige kleine Hilfeleistungen übernehmen, wie das Aufziehen des Rollladens, kleine Einkäufe, Vorbeikommen und nach dem Rechten schauen sowie Ansprache, die auf Gegenseitigkeit beruht. Nicht zu unterschätzen ist das Wohlbefinden, das auftaucht, wenn man in Ruhe auf die eigenen Möbel und liebgewordenen Gegenstände schauen kann. Wichtig ist es, dieses System nicht durch Wechsel in ein anderes System zu zerstören, sondern durch behutsame professionelle Ergänzungen zu stabilisieren.

Durch das System der biographischen Begleitung, bei dem die Beraterin als kontinuierliche Begleit- und Bezugsperson eine Vertrauensperson für die älteren Menschen und ihre Familie wird, entsteht Sicherheit und Zuverlässigkeit. Bei immer wieder neu auftretenden Fragen kann sie Hilfestellung leisten und zwar relativ schnell, da sie die Vorgeschichte kennt und auf dem Vorhandenen aufbauen kann. Der Klient muss sich nicht beständig neu erklären, sondern kann sich auf das aktuelle Problem konzentrieren. Insbesondere bedeutsam ist die bei dementen Menschen, deren Vergesslichkeit zunimmt, so dass die Familie und die Beratungsperson als externes Gedächtnis wichtige Funktionen übernehmen und an Erinnerungen anknüpfen können. Dies entlastet verwirrte Menschen, insbesondere weil sie z.T. auch ohne die manchmal fehlenden Worte verstanden werden können.
Auf diese Weise wird das Leben bis zum Lebensende in der eigenen Wohnung möglich, was sich 99 Prozent aller Menschen wünschen.
Das Konzept der biographischen Begleitung bietet damit eine Alternative zum Leben im Heim und Betreuten Wohnen, garantiert den Erhalt vieler Erinnerungen und die Zunahme der Zufriedenheit.

Margot Klein
© 2005-2018 VIVA
nach oben