Verein zur Beratung und Begleitung
älterer und verwirrter Menschen
und ihrer Angehörigen e.V.

Aktivitäten

14. Januar 2009
Tätigkeitsbericht 2008
Die Erlebnisgruppe - ein psychosoziales Gruppenangebot für Menschen mit Demenz

Dieser Tätigkeitsbericht gibt die Erfahrung einer seit vier Jahren bestehenden Gruppe von acht demenzkranken Männern im Alter von 60 – 74 Jahren wider und ist ein Plädoyer für die psychosoziale Gruppenarbeit mit personzentrierten Ansatz. Entgegen der immer noch vorherrschenden Meinung, die kognitive Abbauprozesse mit fehlender Selbstreflexion gleichsetzt, können im vorurteilsfreien Umgang mit dementen Menschen Lernprozesse ermöglicht, Verständigung und Verständnis füreinander in Gang gesetzt werden. Grundannahme ist, daß Personen mit Demenz einsichts- und lernfähig sind, ein Lernen allerdings, das nicht an dem Erreichen einer bestimmten Leistung wie beim Gedächtnistraining orientiert ist und völlig ohne Bewertung auskommt. Der Gruppenprozess selbst bietet eine Lernerfahrung an, z.B. seine Gefühle zu akzeptieren, offener zu sein für die Bedeutung dessen, was sich außerhalb wie innerhalb seiner selbst abspielt.

Die Demenz ist durch Bilder von Verwirrtheit, Kontrollverlust und völliger Abhängigkeit medial geprägt. Diese Bilder ängstigen die Betroffenen (und ihre Angehörigen) und im frühen Krankheitsstadium fällt es ihnen schwer, das Krankheitsbild zu akzeptieren. In der Gruppe erfahren die Betroffenen ihre unterschiedlichen "Handicaps" und "trainieren" durch das Gesprächsangebot ihre Kommunikationsfähigkeit. Die Gruppe ist der Ort, wo sie sich als ernstgenommene und verstehende Gesprächspartner erleben. Im Laufe der Zeit haben die Gruppenmitglieder das Gefühl der Ruhe als Schlüssel für ihre Kommunikationsfähigkeit gefunden. Sie haben gelernt, sich zu artikulieren, wenn man ihnen Zeit und Aufmerksamkeit zugesteht. Im öffentlichen Raum wie z.B. beim Postschalter oder im Cafe können sie dies allerdings nur da anwenden, wo der Gesprächs- oder Verhandlungspartner sich auf sie einläßt. Da bleibt die Integration des Krankheitsbildes in das Selbstbild schmerzhaft, weil merken, daß sie Geduld oder Einfühlungsvermögen nicht einfordern können.

Die Strategie der Gruppenmitglieder ist, ihre Krankheit mit Humor zu bewältigen, aber auch mit Mitgefühl, z.B. bei Krisensituationen eines Gruppenmitglieds der ersten Stunde, dessen Demenz im Laufe der Zeit stark fortgeschritten ist. Sie bringen für die zeitweise auftretende Ruhelosigkeit oder das "fehlerhafte" Verhalten dieses Mannes Verständnis auf und können dies nach eigener Aussage "aushalten". Sie kennen selbst die Qual, wenn sie ihre Befindlichkeit sich und anderen nicht erklären können. Dieses Mitgefühl zeigt das gewachsene Selbstvertrauen.

Ergebnis der Gruppenarbeit ist, daß
  1. innerhalb dieses positiven Bezugssystems Personen und Ereignisse für die dementen Gruppenmitglieder erinnerbar werden.
  2. sich Mitgefühl und Selbstwertgefühl als wesentliche Bestandteile des Gruppengefühls herauskristallisiert haben.
Das hilft ihnen, sich in weitergehenden Betreuungsangeboten, z.B. in der Tagespflege besser zurechtzufinden, in die einige Gruppenmitglieder seit einem Jahr gehen. Sie haben die Fähigkeit, sich dort gegenseitig zu unterstützen und fühlen sich nicht so verloren.

Für die häusliche Versorgung sind kontinuierliche die Unterstützungsprogramme für die pflegenden Angehörigen unumgänglich. Neben der Möglichkeit der Einzelberatung bieten wir eine angeleitete Selbsthilfegruppe für die Ehefrauen an in Form von vierteljährlichen Workshops an. Aber die Gruppe bedeutet auch die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen und sich privat zu Unternehmungen zu treffen, um nicht immer allein mit dem kranken Ehepartner zu sein. In der Selbsthilfegruppe sind die Ehefrauen Stichwortgeber für die Planung von Unterstützungsangeboten an ihrer Bedürfnislage entlang, z.B. das kürzeste Kurzzeitpflegeangebot von einer Übernachtung, um ins Theater etc. gehen zu können oder eine Sportgruppe für Demenzkranke.

Ellen Ensinger-Boschmann
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