Verein zur Beratung und Begleitung
älterer und verwirrter Menschen
und ihrer Angehörigen e.V.

Aktivitäten

23. Januar 2013
Tätigkeitsbericht Sportgruppe 2011
Die Gruppenangebote der Beratungsstelle VIVA für Menschen mit Demenz im frühen und fortgeschrittenen Stadium haben gezeigt, daß sie im geschützten Rahmen und mit dem personzentrierten Ansatz (Tom Kitwood, Demenz, 2008) lernfähig sind. Im Gruppenprozess werden ihre Orientierung und ihre Beziehung zu den sie umgebenden Personen gefördert. Dadurch wächst ihr Selbstvertrauen. (Artikel in Person 1/09).


Die Bedeutung des Sports

Spätestens 2006 machte der Spiegel (Nr.5/30.1.06) mit seiner Titelgeschichte „Die Heilkraft der Bewegung“ der breiten Öffentlichkeit deutlich, wie wichtig die Bewegung bei Krankheiten ist und daß sich durch Bewegung neue Hirnzellen bilden. Den Zusammenhang von sportlichem Training und Verbesserung des kognitiven und psychischen Status bei Menschen mit Demenz beschreibt eine Studie des Bethanienkrankenhauses Heidelberg. Diese Studie hat ein besonderes Verdienst, da sie die Wirksamkeit von nicht-pharmakologischen Therapieansätzen methodisch untersucht hat und nachweist (www.bewegung-bei-demenz.de).

Diese Studie ist in ihrem Aufbau trainingsorientiert, d. h. die Übungen sind vorgegeben und durchstrukturiert. Sie weist nach, daß ein gezieltes Training mit Demenzkranken möglich ist, die Übungen des Programms erlernbar sind, der Trainingsumfang von 60 Min. durchführbar ist und daß das Erleben der Leistungsfähigkeit zu Stolz und Wohlbefinden führt. Für den wissenschaftlichen Nachweis braucht man ein trainingsorientiertes Modell. Der trainierende Charakter bezieht sich auf die Krankheit und wird deshalb als defizitorientierter Ansatz bezeichnet.


Entwicklungsoffener Ansatz

Unsere Sportgruppe arbeitet hingegen mit einem entwicklungsoffenen Ansatz, mit Improvisation, was mehr dem personzentrierten Vorgehen entspricht. Improvisation ist eine Form der Interaktion, die den Interaktionspartnern in der Gruppe „freies Spiel“ läßt. Der entwicklungsoffene Ansatz lässt den Gruppenmitgliedern die Richtung offen, d. h. wir gehen auf die Bewegungen ein, die unter dem Einfluss des hirnorganischen Abbaus entstehen und schließen keine Bewegungsmöglichkeit aus.

Die Gruppenleitung (Sportpädagogin und Sozialarbeiterin) vermittelt zwischen den unterschiedlichen kognitiven Niveaus und legt den Fokus auf die verbleibenden Stärken und Fähigkeiten der Gruppenmitglieder, deren Unterschiede auch von den Menschen mit Demenz wahrgenommen werden. Andere und sich selbst mit seinen Fähigkeiten und Unterschiedlichkeiten zu erfahren, belebt die Gruppenmitglieder. Zudem sehen sie, daß auch spürbar Kränkere Herausforderungen bewältigen, und dies nimmt dadurch allen Gruppenmitgliedern für den Moment das Gefühl des Ausgeliefertseins an die Krankheit.


Ablauf des 2-stündigen Gruppenangebots

Auch in der Sportgruppe brauchen Menschen mit Demenz Zeit, um sich im Raum und zur Person orientieren zu können. Die Gruppenleitung (Sportpädagogin und Sozialarbeiterin) ist Begrüßer, Gesprächsmoderator, Sportexperte, Unterstützer bei kniffligen Dingen wie Schuhe zumachen oder die Toilette finden und Verabschieder. Die Gruppenleitung läßt sich auf die Menschen mit Demenz ein, d .h., jede Verrichtung wie die Begrüßung jedes Einzelnen, Aufstellen im Kreis zur Begrüßung der versammelten Gruppe paßt sich dem verlangsamten Rhythmus der Gruppenmitglieder im Rahmen der Entschleunigung an.

Hier kommen die Alltagsbegleiter/ehrenamtlichen Helfer zum Zug. Auch sie helfen bei den praktischen Dingen wie Schuhe wechseln und Jacke aus- bzw. anziehen. Sie achten darauf, wo wessen Schuhe, Tasche oder Jacke liegen. Denn es ist wichtig, daß man die Gruppenteilnehmer in Empfang nimmt und nicht die Angehörigen das Umziehen machen läßt, die aus ihrer Belastung heraus oft den demenzkranken Menschen zur Eile drängen.

Die Sportpädagogin leitet die Sportstunde und gibt die Übungen vor, ohne daß es ein richtig oder falsch gibt, ein gut oder schlecht. Ziel ist, daß Menschen mit Demenz sich auf das Tun einlassen, mitmachen, Spaß an der Bewegung und an dem Spiel haben. (Der Leistungsgedanke ist oft bei den Teilnehmern selbst tief eingepflanzt, so daß die Sportpädagogin ihrerseits sanft dagegenhalten muß, wie interessant die „falsch ausgeführte“ Bewegungsübung ist und sie mit ins Repertoire aufnimmt.)

Der (Stuhl-)Kreis zu Beginn hat die Funktion der Orientierung im Raum, auf die anwesenden Personen und auf das, was jeder jeweils tut. Später kann dann im losen Verband im Raum Ball gespielt werden. Alle Ballspiele mit großen, kleinen oder weichen Bällen sind interessant, auch mit Hockeyschlägern. Luftballons sind ideal, auch mit Federballschlägern, denn sie haben ein zeitverzögerndes Überraschungsmoment, das Menschen mit Demenz Spaß macht. Ein Abschlusskreis als Verabschiedungsritual, wo gegenseitig die Hände gereicht, geschüttelt oder geklatscht werden können (mit Stampfen oder Rufen), signalisiert Verbundenheit und macht das Ende klar. Wiederholungen sind für Menschen mit Demenz eher interessant und mit Erfolgserlebnissen verknüpft, weil sie dann wissen, was los ist. Das heißt aber nicht, daß immer dasselbe gemacht werden muß, sondern daß die Varianz gut dosiert eingebaut werden soll.

Aber für Menschen mit Demenz ist nicht nur der Sport sondern auch der Affektaustausch interessant. Beziehungen sind für sie bedeutungsvoll, die sie selbst an öffentlichen Orten wie im Sportverein oder anschließend im Café knüpfen können. Der an die Sportgruppe sich anschließende Kaffeehausbesuch ist das Highlight für sie und krönender Abschluß. Zusammen mit der Sozialarbeiterin und dem Alltagsbegleiter/ehrenamtlicher Helfer gehen die Gruppenmitglieder nach der Sportstunde in das immer gleiche Café zu ihrem Stammtisch. Kuchen anschauen, Kuchen auswählen, Kaffee bestellen und danach gemeinsam Geldbeutel herausholen und bezahlen ist eine kontinuierliche Übung, die mit Spaß verbunden ist. Aber es ist auch ein Gesprächsangebot, bei dem gescherzt und gelacht wird. Die Menschen mit Demenz haben damit Anteil am Leben und erleben Gemeinsamkeit mit anderen Betroffenen. Beziehungen eingehen zu können, vermindert das Gefühl des Ausgeliefertseins an die Krankheit.

Die Angehörigen holen ihre Ehepartner im Café ab. Meist setzen sie sich noch dazu, sprechen mit anderen Angehörigen oder fragen die Sozialarbeiterin um Rat. Pflegende Angehörige sind oft Experten in pflegerelevanten Fragen, z. B. kennen sie geeignete Fachärzte, die Geduld bei den Untersuchungen der demenzkranken Menschen haben o. ä. Oft bildet sich ein kleines Netzwerk unter den Angehörigen.

Ellen Ensinger-Boschmann
© 2005-2018 VIVA
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