Verein zur Beratung und Begleitung
älterer und verwirrter Menschen
und ihrer Angehörigen e.V.

Aktivitäten

20. Mai 2005
Es wird fast jeden treffen
In Deutschland rollt eine Pflegewelle heran - die Betreuung im Heim löst immer öfter die Versorgung durch Angehörige ab

Jeder, der die wöchentlichen Talkrunden im Fernsehen regelmäßig einschaltet, hat es schon dutzende Male gehört. Das fast schon geflügelte Wort vom "demographischen Wandel" oder die Dauer-Floskel von der "alternden Gesellschaft", in der wir leben. Am eigenen Leib erfahren immer mehr Angehörige, was sich hinter diesen politischen Leerformeln tagtäglich verbirgt: Körperliche Arbeit bis an die Schmerzgrenze, extreme psychische Belastungen, persönliche Entbehrungen, verlorene Freunde, zerbrochene Partnerschaften. "Erstmals in der Geschichte ist Pflege zu einem erwartbaren Regelfall des Familienzyklus geworden", heißt es im Altenbericht der Bundesregierung. Im Klartext: Früher oder später trifft es fast jeden.

Die neuesten Zahlen und Prognosen belegen dies. Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2003 2,08 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, bis 2040 dürfte diese Zahl nach Expertenschätzungen auf 3,2 Millionen ansteigen. Ganz abgesehen davon, dass diese Entwicklung die Kassen der Pflegeversicherung leer spülen wird und das beitragsfinanzierte System eher mittel- als langfristig in den Ruin treiben könnte - vor allem die Gesellschaft muss sich endlich darauf einstellen.

Es wird nicht nur mehr alte Menschen geben, die Pflege benötigen, sondern es wird auch mehr Hochbetagte mit 80 Jahren und mehr geben, die eine solch intensive Hilfe brauchen, dass sie in den Familien kaum noch zu leisten ist. Bis 2040 steigt die Zahl der 70-Jährigen von zehn auf etwa 18 Millionen Menschen - bei über 80-Jährigen liegt das Pflegerisiko schon heute bei über 30 Prozent. Die, die sich nicht mehr alleine versorgen können, müssen in Pflegeeinrichtungen betreut werden. 640 000 Senioren leben nach Angaben des Statistischen Bundesamt bereits heute in Heimen, 5,9 Prozent mehr als bei der letzten Erhebung 2001. Seit 1996 ist die Zahl der stationär Betreuten sogar um rund 70 Prozent angestiegen. "Dieser Trend wird so weitergehen", prognostiziert Marie-Luise Müller, Präsidentin des Deutschen Pflegerats. "Wenn wir nichts unternehmen, werden wir 2050 mehr Pflegebedürftige in Heimen haben als in häuslicher Pflege", schätzte Altenforscher Thomas Klie im "Spiegel".

Die stationäre Pflege ist nicht nur teuer (etwa sechs Mal so kostspielig wie private häusliche Pflege), sondern auch mit einem Stigma belastet. "Altenheime werden meistens in Verbindung mit Skandalen erwähnt", sagt Ute Seipel, Pflegedienstleiterin im Mannheimer Richard-Böttger-Heim. Die Einrichtungen selbst haben auch mit den Umwälzungen zu kämpfen. Seipel: "Früher haben wir hier mit den Bewohnern ,Mensch ärgere Dich nicht' gespielt, geplaudert und Kaffee getrunken, heute geht es bei vielen nur noch darum, die Grundversorgung zu bewerkstelligen."

Doch wo liegen die Gründe dafür, dass immer weniger zu Hause gepflegt wird? Sind die Angehörigen, die ein Elternteil in die Obhut eines Heims geben, wirklich egoistische, herzlose Individualisten, die ihre Mutter oder ihren Vater ins Heim abschieben, um ihren Hedonismus ausleben zu können? Zweifel an dieser These sind mehr als angebracht, das glaubt nicht nur die hessische Gerontologin Gabriele Scholz-Weinrich: "Es stimmt einfach nicht, dass alte Menschen von ihren Angehörigen ins Altenheim abgeschoben werden. Wer so etwas behauptet, hat überhaupt keine Ahnung, was Pflege für die Betroffenen heißt." Ein Großteil der Pflegenden, zu 80 Prozent die Töchter, habe das Elternteil unter unglaublichen Belastungen manchmal über Jahre zu Hause versorgt. Irgendwann komme dann aber der Punkt, an dem die Angehörigen sagten: "Es geht nicht mehr."

"Diesen Moment empfinden die Gepflegten als ein richtiges Unglück", sagt Astrid Hedtke-Becker, Vorsitzende der deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Dozentin an der Mannheimer Fachhochschule. Sie kritisiert, dass die Entscheidung, wie der alte Mensch leben soll, in der Regel nur auf der Ebene der Angehörigen getroffen werde. Alternativen wie die Kurzzeitpflege würden dann kaum noch in Betracht gezogen. "Es bleibt einfach zu wenig Zeit, um ein sinnvolles Pflegearrangement auf die Beine zu stellen." Vor allem bei der Überweisung vom Krankenhaus ins Altenheim stelle sich die Frage, ob der Klinik-Arzt überhaupt die Kompetenz besitze, eine derartige soziale Diagnose zu stellen. Da eine intensive Übergangspflege nach dem Klinikaufenthalt nur unzureichend ausgebaut sei, der gebrechliche Patient nach dem Krankenhausaufenthalt aber zumindest vorübergehend nicht alleine zu Hause leben kann, stimmten auch die Angehörigen dem scheinbar einzigen Ausweg zu - dem Gang in eine Pflegeeinrichtung. Dem älteren Menschen werde diese Entscheidung dann als alternativlos dargestellt.

"Ich bin kein Heimgegner, aber ich bin dagegen, dass Senioren gegen ihren Willen ins Heim kommen", sagt Hedtke-Becker. Die Gerontologin fordert, dass auch unter verschärften ökonomischen Zwängen "der alte Mensch und seine Wünsche mehr zählen muss". Aber die Senioren können ihren eigenen Beitrag leisten, damit es nicht zum Heimeinzug kommt: Hedtke-Becker: "Das rechtzeitige Nutzen fremder Hilfe ist das Zaubermittel." Sobald man erkenne, dass man den eigenen Haushalt nicht mehr alleine bestreiten könne - etwa wenn man den Müll nicht mehr ohne Probleme aus der Wohnung tragen könne, sollte man sich als älterer Mensch nicht zurückziehen, sondern Unterstützung in Anspruch nehmen.

Dass der letzte Umzug ins Heim oft nicht notwendig ist, beweist Viva, der Verein zur Beratung und Begleitung älterer und verwirrter Menschen und ihrer Angehörigen, in Mannheim. Etwa 50 Mitarbeiter, knapp die Hälfte ehrenamtlich, betreuen bei Viva in Zusammenarbeit mit Sozialstationen und unter höchstem persönlichen Einsatz 75 pflegebedürftige alte Menschen, darunter Demenzkranke. Mit diesem Konzept hat es Viva schon hunderten Menschen ermöglicht, ein Leben in den eigenen vier Wänden bis zum Schluss zu führen. Gerontologin Hedtke-Becker ist von diesem "bundesweit einzigartigen" Betreuungsangebot begeistert: "Dort lässt man die Menschen leben, wie sie wollen. Ein beispielhaftes Konzept."
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